Auf dem Tennisplatz habe ich lange etwas Entscheidendes übersehen. Ich bin Hobbyspieler – aber verhalte mich oft, als würde ich auf der ATP-Tour unterwegs sein. Ich versuche Punkte zu erzwingen, spiele riskante Winkel, Stoppbälle, Linienwinner. Bälle, die ich technisch nur an guten Tagen wirklich beherrsche. Die Folge ist absehbar: Ich verliere nicht, weil der Gegner genial ist, sondern weil ich mir meine Fehler selbst baue.
Warum mache ich das trotzdem? Weil es meinem Ego schmeichelt, den Punkt aktiv zu „gewinnen“, statt den Ball einfach solide zurückzuspielen. Der Physiker Simon Ramo hat dieses Phänomen im Amateurtennis wissenschaftlich untersucht¹: Im Amateurtennis gewinnt nicht der Schönspieler, sondern derjenige, der die wenigsten unerzwungenen Fehler macht. Die beste Strategie ist nüchtern: den Ball im Spiel halten und geduldig warten, bis der andere patzt.
Genau dieselbe Dynamik sehe ich jeden Tag in der Geldanlage. Charles D. Ellis hat diese Erkenntnisse aufgegriffen und sie in seinem Buch „Winning the Loser’s Game“ auf die Welt der Geldanlage übertragen².
Vom Tennisplatz an die Börse: Wer hier wirklich verliert
Früher war die Idee plausibel, dass gute Profis den Markt dauerhaft schlagen können. Ein kleiner Kreis von Experten traf auf viele schlecht informierte Privatanleger. Mit besserem Research und schnellerem Zugang zu Informationen ließ sich ein Vorsprung erzielen.
Heute ist die Welt eine andere. Die großen institutionellen Investoren – Fonds, Versicherer, Pensionskassen – sind nicht mehr die Gegenspieler des Marktes. Sie sind der Markt. Als Gruppe können sie vor Kosten maximal die Marktrendite erreichen. Nach Kosten liegt die Mehrheit zwangsläufig darunter. Langfristige Auswertungen wie die SPIVA-Studien zeigen genau das: Je länger der Zeitraum, desto mehr aktive Fonds bleiben hinter ihrem Vergleichsindex zurück³. Das vermeintliche „Gewinnerspiel“ der Profis ist strukturell zu einem Verliererspiel geworden.
Die Kostenfalle im Hintergrund
Ein wesentlicher Grund dafür sind die Kosten. Aktives Management erzeugt Gebühren, Research-Aufwand, Handelskosten, steuerliche Nachteile durch häufige Umschichtungen. Einige Prozentpunkte pro Jahr klingen harmlos, sind aber brutal, wenn man sie über 20 oder 30 Jahre hochrechnet.
Wenn die langfristige Marktrendite im Schnitt deutlich über der Inflation liegt, dann frisst jeder Prozentpunkt Kosten einen erheblichen Teil dieses Vorsprungs wieder auf. Ein Manager, der nach Kosten dauerhaft über dem Markt liegen will, muss vor Kosten deutlich besser sein als der Markt selbst. In einem Feld, das aus hochprofessionellen, gut ausgebildeten Teilnehmern besteht, ist das für die breite Masse schlicht nicht erreichbar.
Warum Privatanleger statistisch auf der falschen Seite stehen
Wenn schon die Profis im Schnitt verlieren – was heißt das für Privatanleger, die selbst aktiv handeln? Meist haben sie weniger Zeit, weniger Informationen und sind emotional stärker getrieben von Angst, Gier und der Angst, etwas zu verpassen (Fear of Missing Out). Genau dann passieren die typischen Verlierer-Muster: hinter Hypes hinterherlaufen, „sicher“ aussteigen, wenn es wehtut, und wieder einsteigen, wenn es sich gut anfühlt. In der Summe führt das häufig zu einer Rendite, die weit hinter einem einfachen, global diversifizierten Buy-and-Hold-Ansatz zurückbleibt.
Besonders problematisch ist die Jagd nach „neuen Chancen“. Kurzfristig überragende Renditen, Trendthemen, vermeintliche Geheimtipps – vieles davon ist bereits im Preis eingearbeitet, wenn es bei Privatanlegern ankommt. Wer zu spät einsteigt und zu früh aussteigt, spielt ein emotional aufgeladenes Verliererspiel. Viel Bewegung, wenig Nettoertrag.
Die unspektakuläre, aber funktionierende Strategie
Wenn also Profis im Aggregat verlieren und Privatanleger sich mit Aktionismus selbst schaden – was bleibt dann übrig? Die Antwort ist entwaffnend unspektakulär: breite, kostengünstige Diversifikation über den Markt, langfristiges Kaufen und Halten statt hektischem Umschichten, konsequente Kostendisziplin und die Bereitschaft, in Krisen beim Plan zu bleiben.
Der erfolgreiche Anleger ähnelt dem Hobby-Tennisspieler, der verstanden hat, dass er ein Loser’s Game spielt. Er versucht nicht, jeden Ball zum Winner zu machen. Er reduziert systematisch unerzwungene Fehler. In der Praxis heißt das: klare Zielstruktur, langfristiger Anlagehorizont, global gestreute Aktien- und Anleihenportfolios, wenig Taktik, viel Disziplin.
Die eigentliche Aufgabe eines Beraters
In diesem Bild ist der Berater nicht der „Star-Trader“, der den nächsten Fondsstar aufspürt oder Marktentwicklungen vorhersagt. Die eigentliche Aufgabe liegt darin, mit dir gemeinsam deine langfristigen Ziele zu definieren, diese Ziele mit deinem Lebensplan zu verknüpfen und eine Vermögensstruktur aufzubauen, die dich verlässlich dorthin tragen kann.
Genauso wichtig: Dich zu begleiten, wenn es an der Börse stürmisch wird. Denn in diesen Momenten entscheidet sich, ob du beim Plan bleibst oder emotional aussteigst. Gute Beratung heißt dann, Verhalten zu managen, nicht Produkte zu verkaufen. Es geht um Klarheit, Gelassenheit und Sicherheit – nicht um Show.
Was du aus meinem Tennisspiel für dein Vermögen mitnehmen kannst
Seit ich verstanden habe, dass es im Tennis zwei Spiele gibt – das Gewinnerspiel der Profis und das Verliererspiel der Amateure –, gehe ich bewusster auf den Platz. Wenn es nicht wichtig ist, darf ich das „Profi-Spiel“ spielen: riskant, kreativ, mit höherem Fehleranteil, einfach weil es Spaß macht. Wenn es zählt, schalte ich im Kopf um. Dann geht es darum, den Ball sicher im Feld zu halten und geduldig zu bleiben.
In deiner Geldanlage ist es ähnlich. Du kannst dir eine kleine „Spaßzone“ erlauben, wenn du das möchtest – ein überschaubares Spielgeld für Themen, die dich reizen. Aber dein finanzieller Lebensplan, deine Familie, deine Freiheit gehören nicht ins Showmatch. Dort ist es klüger, das solide Loser’s Game zu spielen: breit gestreut, kosteneffizient, langfristig, mit einem klaren Plan im Hintergrund.
Wenn du für dich klären möchtest, welches Spiel du gerade spielst und wie ein wirklich tragfähiges, entspanntes Anlagekonzept für deine Lebensziele aussehen kann, dann lass uns darüber sprechen. Ich begleite dich dabei, dein Vermögen so aufzustellen, dass du nicht jeden Punkt spektakulär gewinnst – sondern das Match.
Quellen
(1) Ramo, Simon: Extraordinary Tennis for the Ordinary Player, Revised Edition, Crown Publishers, New York, 1977.
(2) Ellis, Charles D.: Winning the Loser’s Game – Timeless Strategies for Successful Investing, 8th Edition, McGraw-Hill, 2021.
(3) SPIVA® Scorecards, S&P Dow Jones Indices. Übersicht und aktuelle Auswertungen zur langfristigen Entwicklung aktiver Fonds im Vergleich zu ihren Benchmarks. Online unter: https://www.spglobal.com/spdji/en/research-insights/spiva/







