Wenn es sich am Aktienmarkt zu gut anfühlt…

Von Thomas Lieske • 12. September 2026

…könnte es der beste Moment zum Prüfen Deiner Geldanlage sein.

„Die Börse ist ein Mechanismus, der Geld von den Ungeduldigen zu den Geduldigen umverteilt.“

— Warren Buffett

Ungeduld muss man nicht wollen. Manchmal erzwingt sie der Kalender.

Genau darum geht es in diesem Beitrag. Die Kurse steigen, das Depot sieht gut aus, schlechte Nachrichten perlen ab. Und in solchen Phasen prüfen wir am seltensten das, was am wichtigsten ist: Liegt mein Geld eigentlich noch dort, wo es hingehört?

Warum gute Stimmung ein schlechter Ratgeber ist

Der Markt ist gerade bemerkenswert gelassen. Kriege, Schuldenberge, politische Unsicherheit – all das steht im Raum, und die Kurse zeigen es kaum. Stattdessen trägt die Fantasie rund um künstliche Intelligenz die Börsen nach oben. Manch einer spricht in diesen Tagen von dünnem Eis.

Das ist keine Crash-Prognose. Die gibt es hier nicht, und ich halte auch nichts davon. Es ist eine Aussage über uns Menschen. Wir prüfen unsere Struktur, wenn es weh tut. Das ist der schlechteste denkbare Zeitpunkt. Denn wer prüfen muss, während die Kurse fallen, prüft nicht – er reagiert.

Das Höhenprofil: Drei Töpfe


Stell Dir Deine Finanzen als Wanderung vor. Drei Wege laufen parallel durch dasselbe Gebirge – aber mit völlig unterschiedlichem Höhenprofil.

Der untere Weg ist flach. Geldmarkt. Kaum Bewegung, kaum Ertrag. Dafür bist Du jederzeit da, wo Du sein willst. Das ist der Topf für alles, was Du in ein bis zwei Jahren brauchst – der Topf der Souveränität. Er sorgt dafür, dass Du nie verkaufen musst, wenn es gerade ungünstig ist.

Der mittlere Weg steigt ruhig an. Anleihen. Moderate Bewegung, mittlerer Ertrag, planbar. Der Topf für Ziele in mittlerer Ferne, etwa drei bis acht Jahre: Stabilität.

Der obere Weg geht hoch hinaus – und schwankt erheblich. Aktien. Hier entsteht über lange Zeiträume echtes Vermögen. Der Topf der Substanz, für alles ab etwa acht Jahren.

Der ganze Trick steckt in einer einzigen Frage. Nicht: Wie gut fühlt sich der Markt gerade an? Sondern: Wann brauche ich dieses Geld? Die Antwort bestimmt den Topf.

Der Fehler, den ich am häufigsten sehe

Sehr viele Menschen haben Geld in Aktien oder Aktien-ETFs liegen, das sie in wenigen Jahren brauchen. Dazu gehört auch der Klassiker im Depot: ein ETF auf den MSCI World.

Und genau hier entsteht manchmal ein gefährliches Missverständnis. Ein ETF ist nicht automatisch eine sichere Anlage. ETF beschreibt zunächst nur die Produkthülle. Ein MSCI-World-ETF investiert in Aktien – und trägt damit auch die Schwankungsrisiken des Aktienmarktes.

Breite Streuung reduziert einzelne Unternehmensrisiken. Sie verhindert aber keine deutlichen Kursverluste des gesamten Aktienmarktes.

Wer einen MSCI World für seine langfristige Altersvorsorge hält, kann solche Schwankungen grundsätzlich aussitzen. Wer dasselbe Geld aber in drei Jahren für einen Immobilienkauf, ein Sabbatical oder die Ausbildung der Kinder braucht, hat ein völlig anderes Problem.

Nicht der ETF ist falsch. Der Zeithorizont kann falsch sein.

Das ist kein Fehler, weil Aktien schlecht wären. Aktien gehören für den langfristigen Vermögensaufbau zu den renditestärksten liquiden Anlageklassen. Der Fehler liegt woanders: Der Weg passt nicht zum Ziel.

Wer in drei Jahren die Anzahlung fürs Haus braucht, wer die Ausbildung der Kinder finanzieren will, wer ein Sabbatical plant – der hat einen festen Termin. Und an einem festen Termin ist Schwankung kein theoretisches Konzept mehr. Sie wird zu einem echten Verlust, wenn der Termin in eine schlechte Phase fällt.

Warum ist dieser Fehler so verbreitet? Weil es zehn Jahre lang kaum attraktive Alternativen für sicherheitsorientierte Anleger gab. Zinsen lagen lange nahe null, irgendwo musste das Geld hin. Also wanderte auch Geld in Aktien und Aktien-ETFs, das eigentlich einen deutlich kürzeren Zeithorizont hatte. Ein MSCI World ist aber kein besseres Tagesgeld.

Das hat sich geändert

Zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt bekommst Du für Sicherheit wieder etwas bezahlt. Solide Anleihen liefern heute Renditen, die vor drei Jahren undenkbar waren.

Und sie liefern etwas, das Aktien prinzipiell nicht können: Planbarkeit. Du weißt, wann Du Dein Geld zurückbekommst, und Du weißt, was Du bis dahin bekommst. Für jedes Ziel mit einem Datum ist das mehr wert als jede Renditehoffnung.

Jetzt ist der Moment, diese Chance zu nutzen. Der erste Schritt kostet nichts und dauert eine halbe Stunde: Prüfe wann welcher Geldbetrag verfügbar sein soll.

Geh Dein Vermögen durch und schreib hinter jeden Posten ein Jahr. Wann willst Du an dieses Geld? Die meisten sind überrascht, wie viel davon eigentlich kurz- und mittelfristig ist – und wie wenig davon im passenden Topf liegt.

Für die ganz kurze Frist: Geldmarkt statt Tagesgeld

Was in den nächsten ein bis zwei Jahren gebraucht wird, liegt bei den meisten auf dem Tagesgeldkonto. Hier lohnt ein zweiter Gedanke.

Tagesgeld ist eine Forderung gegen genau eine Bank. Gerät die Bank in Schieflage, greift die Einlagensicherung – bis zu einer Grenze, und mit Wartezeit. Bei kleineren Beträgen ist das unerheblich. Bei größeren ist es ein Risiko, das Du nicht eingehen musst.

Ein Geldmarktfonds ist anders gebaut. Dein Geld ist Sondervermögen und über viele Schuldner gestreut – es hängt nicht an einem einzigen Institut. Dazu folgt die Verzinsung dem Markt statt den befristeten Lockangeboten der Banken.

Die Notreserve bleibt auf dem Konto, dort gehört sie hin. Aber für größere kurzfristige Beträge ist der Geldmarkt der sauberere Weg.

Was heißt das für Dich?

Drei Schritte, mehr braucht es nicht:

  • Verfügbarkeit prüfen. Wann brauchst Du welches Geld? Schreib es auf.
  • Zuordnen. Kurze Frist in den Geldmarkt, mittlere in Anleihen, lange in Aktien.
  • Den Rest in Ruhe lassen. Was langfristig investiert ist, darf schwanken. Dafür ist es da.

Zum Schluss

Was kann man als Anleger darüber hinaus machen? Den Herbst genießen und spazieren gehen.

Wenn jeder Euro im richtigen Topf liegt, musst Du die Märkte nicht mehr beobachten. Dann arbeiten sie für Dich, während Du unterwegs bist. Die Arbeit liegt nicht im Reagieren, sondern im Zuordnen.

Und dafür ist ein Moment, in dem sich alles gut anfühlt, der beste, den es gibt.