Das Risiko der Reihenfolge der Renditen („SOR“ oder auch „Sequence of Returns Risk“) stellt insbesondere in den ersten Jahren des Ruhestands eine große Herausforderung dar. Negative Marktentwicklungen in dieser sensiblen Phase können dazu führen, dass das Vermögen deutlich schneller schwindet als geplant. Solche Krisen wirken sich nicht nur stark auf das Depot aus – selbst wenn es langfristig bestehen bleibt, kann es emotional belastend sein, durchzuhalten. Mit einer klugen und gut geplanten Strategie lässt sich dieses Risiko jedoch effektiv minimieren. Zunächst einmal ein kurzer Blick auf die Herausforderung.
Wo liegt das Problem?
Ein Beispiel: Eine Person hat zu Beginn des Ruhestands 1 Million Euro angespart und investiert dieses Vermögen breit gestreut in den MSCI World. Von 2009 bis 2024 wächst das Portfolio – trotz einiger weniger negativer Jahre – kontinuierlich auf fast 3,5 Millionen Euro an. Zu keinem Zeitpunkt fällt der Wert unter die ursprüngliche Million. Mit einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 9,54 % sieht die Entwicklung beeindruckend aus.

Betrachten wir nun die Auszahlungen in den rechten beiden Spalten: Diese Person entnimmt jährlich 50.000 € für den Lebensunterhalt, mit einer jährlichen Steigerung von 2 % (zur Vereinfachung ohne Berücksichtigung von Kosten und Steuern). Nach 15 Jahren und insgesamt 931.000 € an Entnahmen verbleiben dennoch knapp 2 Millionen Euro im Depot. Klingt ideal – also, wo liegt das Problem?
Werfen wir nun einen Blick auf den Fall einer Person, die ein Jahr früher in den Ruhestand geht – bei sonst exakt gleichen Voraussetzungen.

Nach der Immobilienkrise 2008/2009 bleibt bei gleicher Entnahme von 50.000 € im Jahr 2024 nur noch ein Depotwert von 264.000 € übrig. Die durchschnittliche Rendite? Immer noch 6,3 % pro Jahr – doch hier zeigt das Rendite-Reihenfolge-Risiko sein wahres Gesicht. Zeit, sich von der Illusion zu verabschieden, dass eine Rendite von 6 % allein ausreicht, um den Ruhestand in aller Ruhe zu genießen. Viele verlassen zu diesem Zeitpunkt übrigens die Bühne der Aktien und verkaufen alles – sie folgen dem Herdentrieb.
Wer jetzt ein mulmiges Gefühl verspürt, sollte besser tief durchatmen – und vielleicht einen bequemen Stuhl aufsuchen. Denn Investieren dreht sich nur um eines: den Umgang mit der Zukunft. Und da diese leider keine Glaskugel mitliefert, sind Risiken unvermeidlich. Der Umgang mit ihnen? Essenziell für den Erfolg.
(Hinsetzen nicht vergessen!)
Jetzt wird die Reihenfolge der Renditen geändert, die schlechten Jahre werden vorangestellt – und plötzlich reicht das Geld nicht einmal mehr für 10 Jahre.

Wichtig: Die durchschnittliche Rendite bleibt unverändert bei 6,3 % pro Jahr. Auch das Vermögen wächst ohne Entnahmen weiterhin auf knapp 2 Millionen an – hier spielt die Reihenfolge der Renditen keine Rolle. Sobald jedoch regelmäßig Kapital entnommen wird, hat die zukünftige Marktentwicklung einen erheblichen Einfluss. Sie entscheidet darüber, ob großzügige Entnahmen langfristig möglich bleiben und ein Vermögen an die nächste Generation weitergegeben werden kann, oder ob das Vermögen schnell aufgebraucht wird (Habe ich die Aufmerksamkeit?).
Wie könnte eine Lösung aussehen?
Die „Zeitphasen-Strategie“ – Struktur schafft Sicherheit
Ein bewährter Ansatz ist die Aufteilung des Portfolios nach Zeitphasen. Jede Phase wird auf einen bestimmten Zeitraum oder Zweck ausgerichtet, was sowohl Stabilität als auch Flexibilität in der Finanzplanung schafft:
Kurzfristige Bedürfnisse: Hier kommen sicher angelegte Mittel wie Geldmarktfonds oder hochverzinsliche Sparkonten zum Einsatz. Diese gewährleisten die nötige Liquidität für die ersten ein bis zwei Jahre im Ruhestand.
Mittelfristige Bedürfnisse: Für Zeiträume von drei bis fünf Jahren eignen sich Festgelder oder Anleihen. Sie bieten stabile Erträge und können gezielt auf geplante Ausgaben abgestimmt werden.
Langfristige Bedürfnisse: Für diesen Bereich eignen sich Unternehmensbeteiligungen in Form von Aktien. Sie ermöglichen es, das Vermögen langfristig zu erhalten und gleichzeitig Inflationsrisiken auszugleichen.
Eine individuell abgestimmte Zeitphasen-Strategie schafft klare Strukturen und hilft, die Auswirkungen von Marktschwankungen abzufedern.
Diversifikation – ein zentraler Baustein
Ein breit gestreutes Portfolio ist essenziell, um Risiken zu minimieren. Dabei sollte nicht nur der langfristige Bereich diversifiziert sein, sondern auch die kurzfristigen und mittelfristigen Anlagen, um maximale Stabilität zu gewährleisten.
Vorausplanung – frühzeitig handeln
Eine vorausschauende Planung reduziert finanzielle Risiken erheblich. Die notwendige Liquidität für die ersten Jahre im Ruhestand kann bereits vorab sichergestellt werden, z. B. durch den Verkauf von Anlagen oder das Umlenken von Erträgen in Bargeld. So entstehen Puffer, die auch bei Marktschwankungen vor Engpässen schützen.
Fazit
Marktschwankungen und Abschwünge gehören zum Investieren dazu. Für neue Ruheständler können sie jedoch zur echten Belastung werden, insbesondere wenn ein deutlicher Rückgang gleich zu Beginn eintritt. Mit einer klugen Zeitphasen-Strategie und gezielten Maßnahmen lässt sich dieses Risiko jedoch wirkungsvoll abfedern.
Eine sorgfältige Planung schafft die Basis für finanzielle Sicherheit und ein gutes Gefühl – selbst in unruhigen Zeiten.







