Allzeithochs: Warum Timing dich eher Geld kostet

Von Thomas Lieske • 2. Oktober 2025

Der Klassiker in meinen Gesprächen lautet: „Ist jetzt wirklich ein guter Zeitpunkt?“ Und oft steckt dahinter nicht die Suche nach Rendite, sondern die Angst, „zu teuer“ einzusteigen oder in eine Blase zu geraten.

Das Problem: Dieses Warten fühlt sich nach Kontrolle an. In Wirklichkeit ist es häufig der Einstieg in Market Timing – und das kostet statistisch eher Geld, als dass es dich schützt.

Warum Allzeithochs kein Warnsignal sind

Ein Allzeithoch wirkt wie eine rote Lampe. In der Realität ist es ein normaler Zustand steigender Märkte. Vanguard hat gezeigt, dass US-Aktien im 3. Quartal 2025 an mehr als jedem dritten Handelstag ein neues Allzeithoch erreicht haben – und dass solche Hochs historisch regelmäßig vorkommen. 

Wichtiger Punkt, den viele übersehen: Hinter Kursständen stehen echte Unternehmen, echte Gewinne und dadurch werden entweder Dividenden ausgezahlt oder der Kurs erhöht sich. In jedem Fall werden die die Aktionäre für ihre Unternehmensbeteiligung vergütet. „Hoch“ heißt also nicht automatisch „Blase“. Es heißt erstmal nur: Der Markt bewertet heute höher als gestern.

Was Market Timing so gefährlich macht

„Ich warte auf den Rücksetzer“ klingt vernünftig – bis du merkst, dass du zwei Entscheidungen perfekt treffen müsstest: rausbleiben und wieder reingehen. Und zwar nicht „irgendwann“, sondern rechtzeitig.

Genau hier kippt es psychologisch. Wenn es wirklich fällt, fühlt sich Kaufen selten gut an. Dann warten viele auf „noch günstiger“. Und wenn der Markt dreht, wirkt es plötzlich wieder „zu spät“. Das ist keine Strategie. Das ist ein Stresskreislauf.

Eine bessere Frage als „Ist jetzt ein guter Zeitpunkt?“

Wenn du Gelassenheit willst, stell eine andere Frage:
Hat sich mein Ziel, mein Zeithorizont oder meine Risikofähigkeit verändert?

Wenn die Antwort „nein“ ist, gibt es keinen rationalen Grund, die Strategie zu ändern. Dann ist die saubere Aufgabe: Geld sauber nach Zeithorizonten trennen, Portfolio strukturieren, Regeln festlegen – und umsetzen.

Der Merksatz, der alles vereinfacht: Time in the market beats market timing. Du musst nicht den perfekten Tag treffen. Du musst vor allem investiert sein – passend zu deinem Plan.

Einmalanlage vs. Cost Averaging: Was die Studien wirklich sagen

Viele Anleger beruhigen sich mit einem gestaffelten Einstieg („Cost Averaging“). Das kann emotional helfen. Aber es ist wichtig, ehrlich zu sein: Gestaffelt ist nicht automatisch „besser“.

Vanguard hat historische Daten ausgewertet und kommt zum Kernbefund: Einmalanlage (sofort investieren) schlägt Cost Averaging im Durchschnitt – und zwar in der Mehrheit der Fälle. Gleichzeitig ist Cost Averaging immer noch besser, als das Geld komplett in Cash liegen zu lassen. 

Morningstar zeigt in einer eigenen Auswertung (und in vielen Varianten dieser Frage) ein sehr ähnliches Bild: Cost Averaging gewinnt vor allem dann, wenn du zufällig in eine fallende Marktphase hinein staffelst – also genau das, was du vorher nicht zuverlässig wissen kannst. 

Die klare Konsequenz: Wenn dein Plan steht und du langfristig investieren willst, ist „auf bessere Kurse warten“ meist die riskantere Entscheidung – weil du Zeit im Markt verlierst.

Wie du trotzdem ruhig einsteigst (ohne Aktionismus)

Es gibt nicht „die“ richtige Lösung für jeden. Es gibt die richtige Lösung für deine Psyche – solange sie regelbasiert bleibt.

  1. Wenn du stabil bist und der Zeithorizont passt: Einmalanlage nach Zielquote.
  2. Wenn du merkst, dass dich ein Einmal-Klick nervös macht: Staffelung, aber mit Plan (z. B. 6 oder 12 feste Tranchen, fixe Termine, keine Neuverhandlung).
  3. Was du vermeiden solltest: „Ich warte erstmal.“ Ohne Datum, ohne Regel, ohne Ende.

Denn dieses „erstmal“ wird erstaunlich oft zu zwölf Monaten Cash – und dann zur nächsten Schlagzeile.

Fazit

Allzeithochs sind kein Signal, dass du „zu spät“ bist. Sie sind häufig ein Begleitgeräusch langfristig steigender Märkte. Entscheidend ist nicht dein Einstiegstag, sondern deine Strategie – und dass du sie durchhältst. Wenn du die sauber aufsetzt und dein Portfolio dazu passt, wird die Frage „Ist jetzt ein guter Zeitpunkt?“ deutlich leiser. Denk daran: Du musst den Weg nicht alleine gehen.

Quellen:

Vanguard (Allzeithochs & Vorwärtsrenditen): https://advisors.vanguard.com/insights/article/us-equities-set-all-time-highs-1-out-of-every-3-days-this-quarter
Vanguard Research (Einmalanlage vs. Cost Averaging):  https://corporate.vanguard.com/content/dam/corp/research/pdf/cost_averaging_invest_now_or_temporarily_hold_your_cash.pdf
Morningstar (Cost Averaging vs. Einmalanlage, Auswertung & Einordnung):  https://www.morningstar.com.au/personal-finance/dollar-cost-averaging-vs-lump-sum-investing-2
Morningstar (Einmalanlage schlägt Cost-Averaging):  https://global.morningstar.com/de/fonds/einmalanlage-schlagt-cost-averaging-in-fast-jeder-hinsicht